Auszüge aus
    Leben ohne Nikotin
    "Die Kräuterzigarettenmethode"

    von Christine Engelbrecht

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    Kapitel II

    Was ist eine Zigarette?

    Eine Zigarette besteht im allgemeinen aus Blättern oder doch zumindest den Resten der Blätter von Tabakpflanzen, die zu einer Rolle zusammengedreht, von einem Stückchen Papier zusammengehalten, angezündet und geraucht werden können.

    Diese Definition ist in Wirklichkeit äußerst ungenau: Bei Lichte betrachtet, ist eine Zigarette nichts anderes als ein Papierröllchen, in dem sich irgendein brennbares Kraut befindet, das man anzünden kann, um dann durch Saugen an dem Röllchen den entstehenden Rauch zu inhalieren.

    Handelt es sich um getrocknetes Heu oder gedörrte Ananasblätter, könnte man eine Zigarette der Form nach ebenso als solche definieren. Aber für den Raucher ist nicht so sehr die Form der Zigarette entscheidend, oder zumindest nur an zweiter Stelle wichtig, sondern vielmehr ihr Inhalt. Tabak ist für uns untrennbar mit dem Begriff Zigarette verbunden. Tabakpflanzen haben eine Eigenschaft, die sie von allen anderen Pflanzen auf der Erde unterscheidet: Sie enthalten in sehr hohen Dosierungen einen Stoff namens Nikotin. Das ist das Einzigartige an Tabakpflanzen.

    Nikotin ist eine einfache chemische Verbindung, unter Chemikern auch als 3-(1-Methyl-2-pyrrolidinyl)-pyridin bekannt. Sie sind wahrscheinlich die einzigen, die mit dieser Definition etwas anfangen können. Entdeckt wurde dieser Stoff, zumindest im Wirkungsumfeld der europäischen Wissenschaft, 1828 in Heidelberg. „De Nicotiniana“ – Über die Tabakpflanze nannten zwei Studenten, der Chemiker Reimann und der Mediziner Posselt, ihre preisgekrönte lateinisch geschriebene Studie über den wichtigsten Wirkstoff in den Tabakblättern und gaben ihm damit auch seinen Namen. Es gelang ihnen zum ersten Mal diesen Wirkstoff aus der Tabakpflanze zu isolieren und chemisch zu bestimmen. Nikotin gehört zur Stoffgruppe der sogenannten Alkaloide – wie unzählige andere Stoffe, unter ihnen übrigens auch so berüchtigte Stoffe wie Heroin und Strychnin.

    Die Tabakpflanze ist ein Nachtschattengewächs, welches in seinen Wurzeln Nikotin erzeugt. Wenn die Pflanze reift, wandert der Stoff in die Blätter. Nikotin ist eines der stärksten Pflanzen- bzw. Nervengifte, die es gibt. Die tödliche Dosis für den Menschen beträgt nur ungefähr 50 bis 60 mg. Löst man fünf Zigaretten in Wasser auf, ist diese Menge bereits im Glas enthalten. Es reicht auch eine halbe Zigarre. Nikotin ist sehr leicht wasserlöslich. Beim Rauchen wird eine solche Dosis jedoch nie erreicht, weil Nikotin im Körper sehr schnell abgebaut wird, noch schneller, als der Stoff durch das Inhalieren wieder nachgefüllt werden kann.

    Nikotin ist eigentlich nichts anderes als ein pflanzeneigenes Pestizid. Die Tabakpflanze schützt sich durch das Nervengift vor den Angriffen durch Schädlinge. Diese Eigenschaft des Nikotins hat die Tabakpflanze eine Zeit lang zur ausgesprochenen Nutzpflanze werden lassen, und das Nikotin wurde (und wird teilweise noch) als wirkungsvolles Pestizid auf den Feldern eingesetzt. Inzwischen wurden aber längst andere Stoffe gefunden, die leichter zu gewinnen und deshalb wesentlich preisgünstiger sind, und so verschwand das Nikotin als natürliches Pflanzenschutzmittel wieder weitgehend vom Markt. Wenn man aber vor diesem Hintergrund bedenkt, daß heutzutage das Nikotin zur Anwendung am Menschen in reiner Form in der Apotheke verkauft wird –gewissermaßen ein ehemaliges Pestizid – dann ist das schon eine merkwürdige Vorstellung.

    Außer Nikotin sind im Tabakrauch aber noch zahlreiche andere Stoffe enthalten, Kohlenmonoxyd, Cyanwasserstoff, Benzol, Cadmium, Nitrosamine, Teer und vieles mehr. Nach dem Gesetz sind ungefähr sechshundert verschiedene Zusatzstoffe erlaubt. Und werden diese vielfältigen Gemische angezündet, können im ausgeatmeten Zigarettenrauch nachher mehrere tausend verschiedene Stoffe wieder nachgewiesen werden, eine Tatsache, die zu den Wundern der Chemie gezählt werden muß. Es wird immer wieder vermutet, daß der Tabakverschnitt, der im allgemeinen von den großen Zigarettenkonzernen an die Raucher ausgeliefert wird, zusätzlich mit Stoffen vermischt ist, die den Raucher noch süchtiger machen sollen. Dieses Gerücht hat sich inzwischen längst als wahr erwiesen. Zu den Stoffen, die den Raucher noch süchtiger machen, gehört z.B. Ammonium, das eigentlich hochgiftig ist. Man erkennt das dicht verwandte Ammoniak an dem aggressiven Geruch in den meisten Haarfärbemitteln. Es ist ein so starkes Bleichmittel, daß die Berührung mit den Augen zu gefährlichen Verätzungen führen kann. Auch in sehr starken Reinigungsmitteln ist teilweise Ammoniak enthalten. Solche Mittel befinden sich gewöhnlich in Verpackungen mit Sicherheitsverschlüssen, auf denen extra vermerkt ist, daß sie auf keinen Fall in die Hände von Kindern gelangen dürfen. Und genau solche Stoffe mischen die Tabakkonzerne in Zigarettentabak, und zwar mit gesetzlicher Genehmigung.

    Ammonium ist ein Salz, das den Säuregehalt im Zigarettenrauch verändern und dadurch die Aufnahme des Nikotins durch die Lunge erleichtern soll. Es irritiert sozusagen die Oberfläche der Lungenbläschen und reizt bzw. verletzt sie dabei so, daß sie sich öffnen. Auf diese Weise kann das Nikotin leichter und schneller in die Blutbahn gelangen.

    Da Nikotin aber nur dann richtig süchtig macht, wenn es mit einer ganz bestimmten Geschwindigkeit und einer gleichzeitig ziemlich hohen Dosierung zum Gehirn, bzw. den Nervenzellen gelangt, kann man schlußfolgern, daß das den Zigaretten beigemischte Ammonium in der Tat zu jenen Zusatzstoffen gehört, die den Raucher noch süchtiger machen. Weitere sehr alltägliche Stoffe, die dem Zigarettentabak beigefügt werden, sind zum Beispiel ganz einfach Zucker und Kakao. Zucker steigert bei seiner Verbrennung die Wirkung der Zigaretten, bzw. des Nikotins, weil in diesem Moment entsprechende Stoffe freigesetzt werden. Insofern ist der Zucker ebenfalls dazu geeignet, die Abhängigkeit von Zigaretten zu steigern. Außerdem mildert er den ansonsten teilweise zu aggressiven Geschmack der Zigaretten. Besonders Jugendliche reagieren zunächst noch sehr empfindlich auf den zu starken, beißenden, eher unangenehmen Geschmack von Zigaretten. Hier wird der Einstieg in die Sucht buchstäblich durch einen Zuckerguß erleichtert und versüßt! Leider entstehen auch bei der Verbrennung des Zuckers viele zusätzliche, besonders schädliche Stoffe.

    Kakao enthält Alkaloide, die dem Nikotin stark verwandt sind und die Wirkung des Nikotins deshalb verstärken bzw. leicht verändern. Kakao soll außerdem öffnend auf das Atemsystem wirken und vertieft so die Einatmung beim Rauchen. Darüber hinaus runden kleine Mengen von Schokolade – ebenso wie der Zucker – den herben Tabakgeschmack offenbar wohltuend ab. Vielleicht gibt es noch andere solcher Stoffe, deren Existenz ich jedoch nicht nachweisen kann, da ich kein Chemiker bin. Deshalb will ich hier auch nicht weiter darauf eingehen.

    Betrachten wir also nur das berühmte und berüchtigte Nikotin: Nikotin ist eine chemische Substanz, die direkt auf das Nervensystem wirkt – wie alle anderen Drogen auch. Wenn der Tabak glimmt, wird das Nikotin freigesetzt. Der größte Teil gelangt, gebunden an die winzigen Teerteilchen im Rauch, in die Lunge und von dort direkt ins Blut. Der Teer ist ein sehr effektives Transportmittel für das Nikotin. Im Vergleich hierzu sind die freischwebenden Nikotinteilchen im Atemstrom wesentlich weniger wirkungsvoll. Schon ca. 7 Sekunden später erreichen die Nikotinmoleküle das Gehirn, heften sich dort an die Nervenzellen und beeinflussen deren Aktivität. Der Stoff macht nicht einmal den Umweg über die Leber, bevor er zum Gehirn gelangt. Auch bei altmodischeren Formen des Konsums, wie z.B. Kau- oder Schnupftabak, tritt das Nikotin durch die Schleimhäute direkt in die Blutbahn ein und braucht deshalb nicht viel länger, bis es zum Gehirn gelangt, und es wirkt aus diesem Grunde wahrscheinlich auch nicht viel weniger intensiv. Daß das Schnupfen und das Kauen von Tabak sich auf Dauer trotzdem nicht in der gleichen Weise durchsetzten wie das Rauchen, könnte verschiedene andere Gründe haben. Zum Beispiel hat der Schnupftabak noch fatalere Wirkungen auf den Geruchssinn als das Rauchen, so wie auch der Kautabak noch gründlicher den Geschmackssinn zerstört, als es Zigaretten könnten – von zahnästhetischen Gesichtspunkten einmal ganz abgesehen. Das Bild einer Tabakkauenden Frau mit gelben Zähnen und einem kleinen braunen Rinnsal im Mundwinkel widerspricht so ziemlich jedem gängigen weiblichen – und heutzutage sogar auch männlichen – Schönheitsideal. Wenn eine Frau die zerkauten Tabakreste dann schließlich auch noch ausspucken würde... nicht auszudenken!

    Die Aufnahme über das Rauchen ist und bleibt die bei weitem eleganteste, effektivste und bequemste Art, Nikotin zu konsumieren. Nikotin löst anschließend zwei ganz bestimmte, sehr deutliche Wirkungen im menschlichen Körper aus:

      1. Eine sofortige Verengung aller Blutgefäße im Körper

      2. Geringfügige Entzugserscheinungen, wenige Minuten nachdem die Zigarette zu Ende geraucht wurde, die bis zu mehreren Tagen andauern können.

    Dies – und nur dies! – sind die beiden entscheidenden Wirkungen, die Nikotin auf den menschlichen Organismus hat. Aus diesen beiden kleinen, beinahe unbedeutend erscheinenden Wirkungen ergibt sich jedoch eine Kette von weiteren Bedürfnissen, die nachfolgend präzise aufgelistet werden sollen.

    Es ist verrückt, aber alle anderen Wirkungen, die mit dem Rauchen, Rauchersein, Zigarettenlieben, Zigarettenbrauchen, Aufhörenwollen, Cool-oder Uncoolsein und Süchtigsein zusammenhängen, ergeben sich aus diesen beiden sehr einfachen Grundvoraussetzungen.

    Es mag Leute geben, die etwas anderes behaupten, sogar Mediziner oder Wissenschaftler. Ich persönlich konnte aber nie eine andere Wirkung feststellen: Keine Halluzinationen, keinen Rausch, kein Schwanken, keine deutlichen Veränderungen in der körperlichen Kondition – abgesehen von vorübergehender Schwäche und Schlappheit beim Treppensteigen und anderen sportlichen Aktivitäten. Auf keinen Fall konnte ich eine Veränderung des Bewußtseins bemerken, so wie man sie von Alkohol oder anderen Drogen bekommt.

    Von dem vielfach erwähnten Effekt der Entspannung und Beruhigung soll später noch ausführlich die Rede sein. Diese Wirkung ist nämlich nicht direkt auf das Nikotin zurückzuführen, sondern hat eigentlich eine andere Ursache, die klar in den Bereich der Psychologie gehört.


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    Christine Engelbrecht, Leben ohne Nikotin. September 2004, BoD Verlag.